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die neuen Bücher
Hendrik Jackson
brausende bulgen. 95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele.
Mit einem Kommentar des Autors
156 Seiten, 11 x 17 cm, tapeziert mit Schutzumschlag
Reihe abrasch Nr. 6
Euro 12, SFR 18
ISBN: 3-901118-52-7


Für seine poetischen Thesen hat sich Hendrik Jackson mit der Sprache und Geschichte des revolutionären Bauernführers und Theologen Thomas Müntzer beschäftigt. Wesentlich für Müntzers Gedankenwelt und in der Folge für Jacksons dichterische Auseinandersetzung ist sowohl die „sprachlose“ Erfahrung der Ohnmacht und die Frage nach der Erfahrbarkeit Gottes, wie auch die unhintergehbare Anerkennung des biblischen Wortes. In Müntzers Schriften wird ein sprachloser gottnaher Zustand beschworen, dennoch bleibt die Schrift, mithin die biblische Poesie – als Übersetzung des göttlichen Atems –, in ihrer Autorität unangefochten. Müntzers Losung, daß „Gott mit dem Finger direkt“ ins Herz schreibe, trifft den wunden Punkt dieses Widerspruchs, durch dessen zumindest poetische Wirkkraft sich Hendrik Jackson für seine brausenden bulgen affizieren ließ.

Im Zentrum von Jacksons Thesen steht Müntzers eigenwillige Übersetzung (und implizite Interpretation) des Bibel-Psalms 93. Ausgehend von dem darin produktiv gemachten Zwiespalt zwischen göttlicher Fülle und menschlicher Ohnmacht, entwickelt Jackson seine Poesie in Thesen, die ihrerseits sich an einer Übersetzung oder Vermittlung der Müntzerschen Sprache und Gedanken versucht. Der innere Widerstreit eines solchen Anliegens tritt dabei freimütig zutage. Wie Parodie und Prophetie, Posse und Poesie, Wirkung und Willkür in den Thesen oft ununterscheidbar werden, gehen in ihnen auch fremde und eigene Sätze, Übersetzung und Original ineinander über. Das leere Blatt, auf das ein „Originalgenie“ seine ursprünglichen Eingebungen einträgt, ist – entgegen aller postmodernen Verlautbarungen – immer noch prüde Idealvorstellung vom Dichten. Dagegen setzen die Thesen, keine Einflüsse scheuend, ein Schreiben als Übersetzung von immer schon Übersetztem.

„Jacksons neue Gedichte wagen etwas Unerhörtes: In einer Art Rollenlyrik und stilistischen Mimesis der spätmittelalterlichen Sprache Müntzers sollen die in der Sprache schlummernden Energien entbunden und die vom Wunsch nach Aufbruch, Veränderung und Utopie beseelten Triebkräfte des Poetischen wachgerüttelt werden. Selten hat es ein ambitionierteres, selten aber auch ein kryptischeres Projekt in der jungen Lyrik gegeben.“ (Michael Braun in Literaturen)

Hendrik Jackson, geboren 1971, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er ist verantwortlich für die Netzseite: www.lyrikkritik.de. 2001 erschien der Gedichtband einflüsterungen von seitlich, 2003 als Band 4 der Reihe abrasch seine Übersetzung von Marina Zwetajewa, Poem vom Ende/Neujahrsbrief, 2006 der Gedichtband Dunkelströme. Gedichte. 2002 erhielt er das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. 2005 den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis.