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Jacques Roubaud
DICHTUNG UND ERINNERUNG
Die Erfindung des Sohnes von Leoprepes
Aus dem Französischen von Alma Vallazza
140 S., 21 x 14,5 cm, br. m. Schutzumschlag
ISBN 3-901118-24-1, edition per procura 1996
 € 15,50 / Sfr 25 /

In seinen sechs Vorlesungen zur Poetik verfolgt der Autor, Dichter, Mathematiker und Mitbegründer der Gruppe Oulipo Spuren einer rhetorischen Tradition der Gedächtniskunst. Roubaud, der die Literaturgattung der Poetik-Vorlesung virtuos beherrscht, entwirft dabei seine eigene Genealogie der mnemotechnischen Erfindungen. Mehr als einer Revision bisheriger Darstellungen wie etwa der berühmt gewordenen von Frances A. Yates, gilt sein Augenmerk allerdings der Übertragbarkeit von Beschreibungsmodellen aus den Gedächtniskünsten auf die Funktionsweisen der individuellen Erinnerung. So vergleicht er das Sichaneignen einer Gedächt-niskunst mit dem Erlernen einer sehr privaten Sprache und die topisch angeeigneten Inhalte folglich mit dem Besitz einer individuellen, virtuellen Bibliothek. Von hier aus schlägt Roubaud die Brücke zur Dichtkunst, die sich, wie die ars memorativa, die Sprache im autonomen künstlerischen Akt zum Inhalt macht. Dichtung, so die These Roubauds, ist Erinnerung und erinnerlich, ihren Sinn entfaltet sie erst entlang von Erinnerung. Roubauds letzte Vorlesung endet mit einem Plädoyer für eine Kultur der Erinnerung im Gegensatz zu einer Kultur der „leeren und mit fremden Bildern präparierten Köpfe“. Angesichts des desolaten Zustands der Gedächtnisse in unserer Kultur des Andenkens fürchtet Roubaud auch um die Dichtung: Den Erinnerungsverlust in unserer Kultur deutet er als drohendes Vorzeichen für den Abgesang der Poesie.

Buch des Monats Januar 1997 in der Bestenliste des Grazer Forum Stadtpark, ausgewählt von Ilma Rakusa.

Zum Autor:

Jacques Roubaud, geboren 1932, lebt in Paris. Er ist Mitglied von Oulipo (Ouvroir de litérature potentielle) und Mitbegründer von ALAMO (Atelier de Littérature Assistée par Matématique et Ordinateur). Zuletzt sind erschienen: La fleur inverse. L‘art des troubadours (1994), M. Goodman rêve de chats (1994), Poésie, etcetera, ménage (1995). Auf Deutsch sind bisher erschienen: Traktat vom Licht (1989), Die schöne Hortense (1989); Die Entführung der schönen Hortense (1993); Das Exil der schönen Hortense (1994), Blaue Prinzen und andere böse Buben (1991); zus. mit Robert Kelly und Schuldt, Abziehbilder, heimgeholt (1995), Die Vielfalt der Welten Lewis (1995), Die immergleiche Anordnung der rerum vulgarium fragmenta, sowie vorangestellt, kurze Lebensbeschrei-bung des Francesco, Petrarca (1996).

Zur Übersetzerin:

Alma Vallazza, geboren 1965 in Bozen, lebt in Wien. Seit 1995 Mitarbeit am PR-Projekt, Mitver-anstalterin der Kulturtage Lana, seit 1999 Herausgeberin der edition per procura. Übersetzungen aus dem Italienischen und Französischen (u.a. Gianni Vattimo, Jacques Roubaud, Honoré de Balzac, Amelia Rosselli).