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Ernest Fraenkel
Am 9. September 1998 jährte sich zum 100. Mal Stéphane Mallarmés Todestag, zum 101. Mal das erstmalige Erscheinen von Mallarmés großem Gedicht »Un coup de dés«, das bis auf den heutigen Tag Dichter, Denker und Drucker nachhaltig beschäftigt hat. Diesem Anlaß hat die editon per procura neben einer Veranstaltungsreihe während der Kulturtage in Lana in diesem Herbst auch ein Buch gewidmet, das der mittlerweile ein Jahrhundert währenden Auseinandersetzung mit dem Gedicht des Würfelwurfs – die typographische Ausführung war dabei einer der zentralen Streitpunkte – bis in die bibliophile Gestaltung des Buches Rechnung trägt. Vorlage dieser von Schuldt herausgegebenen und kommentierten Ausgabe war die 1960 erstmals in Paris erschienene Ausgabe von Ernest Fraenkel: Les dessins transconscients de Stéphane Mallarmé. A propos de la typographie de Un Coup de dés. In Faksimile übernommen und in einer Mappe à part ins Buch integriert wurden aus dieser Ausgabe die neun Bilderbögen, auf denen Ernest Fraenkel auf 68 Tafeln verschiedene graphische Umsetzungen der Gedichtseiten des »Coup de dés« vorstellt. Es ist offenkundig, daß Fraenkels Gestalten, es sind abstrakte Zeichnungen, die er aus den Druckseiten Mallarmés heraus sichtbar macht, aus ihrem rudelhaften Auftreten, ihrem Charakter des Schnittmusterbogens, dem graphischen Hervorheben der Zeilenzwischenräume u.a. Verfahren nicht nur ästhetischen Gewinn ziehen, sondern Mallarmés revolutionärem ästhetischen Konzept einer Typographie als gedruckter Rhetorik noch einmal zum Durchbruch verhelfen. Beibehalten wurde deshalb die Reihenfolge der Tafeln auf losen Bögen, hinzugefügt wurden die Farben, die der Herausgeber sich erlaubt hat, nach eigenem Gutdünken und in oulipischer Manier den Gedichtzeilen Mallarmés zuzuordnen. Um die in der Originalausgabe allzu schwerfällige und die Perspektiven der Betrachtung einschränkende Gewichtung auf die Analyse der Graphiken zu vermeiden, wurden in der vorliegenden Ausgabe das Vorwort von Etienne Souriau und Ernest Fraenkels eigene Ausführungen zu seinem Experiment nicht mitaufgenommen. Stattdessen hat der Herausgeber Schuldt in seinem Essay Kein Zeug zum Bild aus 21 ernstironischen Blickwinkeln seine These, daß Ernest Fraenkel mit seinen Zeichnungen Mallarmés Gedicht nicht illustriert oder etwa interpretiert, sondern, wie z.B. Marcel Broothaers nach ihm, einen Kunst-Blick darauf geworfen hat, von Stonehenge über Ernst Haeckels Kunstformen der Natur zu Duchamps „Staub-zucht“ und Marcel Broothaers „sprachlosen Blechen à la Mallarmé“ kongenial veranschaulicht. Zu den Autoren: Ernest Fraenkel, geboren 1905 in Berlin, Flucht vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, nach dem Krieg wird er Assistent bei Etienne Souriau am Institut d’Esthétique in Paris. Er beschäftigte sich zeitlebens mit kabbalistischen im Zusammenhang mit psychoanalytischen Fragen. Stéphane Mallarmé, geboren am 18. März 1842 in Paris. 1863 Heirat mit der deutschen Marie Gerhard in London. Bis 1893 Lehrbeauftragter für Englisch an Lyzeen in Tournon, Avignon und Paris, ab 1877 empfängt Mallarmé in seiner Wohnung in der Rue de Rome regelmäßig Freunde und Künstler, unter ihnen Oscar Wilde, Stefan George, André Gide, Edouard Manet, Paul Valéry zu den legendären mardis, 1876 erscheint L'Après-rnidi d‘un faune, illustriert von Edouard Manet, 1887 Album de vers et de prose, 1888 erscheinen seine Übersetzungen Edgar Allen Poes Les Poèmes d'Edgar Poe, 1891 Pages mit einem Frontispiz von Renoir und 1893 Vers et prose mit einem Frontipiz von Whistler. Am 27. Januar 1896 wird Mallarrné in der Nachfolge von Paul Verlaine zum Prince des Poètes erwählt, 1897 erscheinen Divagations und Un Coup de dés in der Zeitschrift Cosmopolis. Am 9. September 1898 stirbt Mallarmé infolge eines Erstickungsanfalls in Valvins. Hérodiade bleibt unvollendet, die von Mallarmé vorbereitete Edition der Poésies wird erst posthum, 1899, erscheinen. Ebenfalls Vers de circonstance (1920), Igitur (1925), Le „Livre" de Mallarmé, hg. von Jacques Scherrer (1957), Les noces d'Herodiade (1959) und Pour un Tombeau d'Anatole (1961), Épouser la Notion (1980), und Correspondence complète 1862–1871, suivi des Lettres sur la poésie 1972–1898 (1995) und Lettres à Méry Laurent (1996). Auf Deutsch sind u.a. erschienen: Ein Würfelwurf (franz./dt.), übersetzt und erläutert von Marie-Louise Erlenmeyer (1966), Gedichte/ Kritische Schriften (franz./dt.), 2 Bde., übersetzt und kommentiert von Gerhard Goebel, unter Mitarbeit von Frauke Bünde und Bettina Rommel (1993; 1998), Poèmes en prose/Gedichte in Prosa, übersetzt von Werner v. Wanitschek (1997), Sämtliche Dichtungen. Mit einer Auswahl poetolo-gischer Schriften, übersetzt von Carl Fischer und Rolf Stabel (1992), Un Coup de dés/Ein Würfel-wurf, übersetzt von Werner Dürrson, in: Akzente 2 (1992), Un coup de dés jamais n‘abolira le hasard/Ein Würfelwurf niemals tilgt den Zufall (franz./dt.), übertragen von Wilhelm Richard Berger, gestaltet von Klaus Detjen (1995). Schuldt, geboren 1941 in Hamburg, Dichter, Essayist, Gestalter von Hörstücken, lebt unter Sprachen. Ansässig in Hamburg und New York. Ein Dutzend Bücher, zuletzt: Abziehbilder heimgeholt (mit Jacques Roubaud und Robert Kelly), Literaturverlag Droschl, Graz 1995, Gestaltschmerz (mit Brigitte Mahlknecht), Edition Plasma, Berlin 1997, Am Quell der Donau (mit Friedrich Hölderlin und Robert Kelly), Steidl Verlag, Göttingen 1998, Ernest Fraenkel, Die unsichtbaren Zeichnungen Stéphane Mallarmé, hg., kommentiert und mit einem Essay von Schuldt, edition per procura, Wien . Lana 1998.
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