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Brendans Inseln
Die Meerfahrt des Abtes St. Brendan ist eine irische Legende, mit der vor ca. tausend Jahren ein frühes Stück europäische Dichtung geschrieben wurde, das bis Ende des 15. Jahrhunderts zahlreiche Übersetzungen und Bearbeitungen erfuhr. Der hier von Wolfgang Schlüter übertra-genen und kommentierten Fassung liegt das lateinische Original aus dem 10. Jahrhundert zugrun-de, das hiermit zum erstenmal auf Deutsch vorliegt. Bei genauerem Hinsehen enthüllt sich der Text als ein früher Utopie-Entwurf in der Tradition phantastisch-visionärer Literatur, in dem phönizische Seefahrersagen, Hesiod, Pytheas und Homer nachhallen. J.L. Borges wird davon zehren; in Leopold Blooms Dubliner Odyssee hören wir sein fernes Echo; Cortazar und Bioy-Casares erinnern sich seiner; Poes Arthur Gordon Pym wäre ohne ihn kaum denkbar; Schmidts Zettels Traum erwähnt ihn ausführlich. Wie ein Speculum empfängt die Navigatio das Licht alter Mythen und streut es gebündelt gleich dem Peilstrahl eines Leuchtturms in die literarische Moderne. Die Legende erzählt von einer quest, und gefunden wird am Ende nicht der Gral, sondern die terra repromissionis sanctorum. Die Mönche, die Brendan auf seiner siebenjährigen Odyssee über den Atlantik begleiten, erfahren auf ihren abenteuerlichen Kreuzwegstationen alles Grauen und alle Wunder des Ozeans. Ihre labyrinthische Erlösungssuche ist eine große Probe auf Bewährung und Geduld. Brendans Reise ist fürwahr eine Kreuz-Fahrt, eine christliche Allegorie. Von Gefahren und Versu-chungen erzählt die Legende, aber auch von Gnadenerweisen, ozeanischem Manna, »Vorge-schmack« des Himmlischen. Das Gelobte Land der Heiligen schließlich – am Ende einer sieben-jährigen Odyssee – stellt sich dar als ein Paradiesgärtlein, nicht anders, als auf Bildern von Memling oder van der Weyden: Blumen – Steine »preciosi generis« – Bäume mit Früchten üppig behängt »sicut in tempore autumnali«. Auch diese Insel ist für die Brüder nur »Vorgeschmack«. Brendan kehrt heim und stirbt. Die Sprache der hier vorliegenden Urfassung ist von raffinierter Kargheit. Wenn für das Mittelalter die Welt, die Wirklichkeit nur ein Bild ist, dann darf sich die Sprache keines machen. Und so steht für alle Arten von Booten und Schiffen immer nur »navis«, und »velare« gilt für alle Arten der Wasserfahrt: Schwimmen, Segeln, Rudern etc. Der Text ist weiß-schwarz-graue Gravur, heilig-nüchternes Exerzitium wie die Riten, die er beschreibt, ein auf sieben Jahre monströs geweitetes Stundenbuch, das den Leser dazu aufruft, das spirituelle Vakuum mit persönlicher Imagination so auszufärben, daß er jenes Aroma von Weihrauch und Seetang verspürt, ohne das vom Buch nichts bliebe als die ausgezehrte Außenseite: die ledernen Deckel eines verstaubten Folianten. Dem Leser ist aufgetragen, diese Sprache in seiner Einbildungskraft zu illuminieren so, wie Brendans Inseln den Seefahrern und Kartographen bis ins frühe 18. Jahrhundert auf flimmernder Horizontlinie erschienen: als Epiphanie. »Schlichtweg textgetreu, kongenial quasi, überträgt Schlüter die „raffinierte Kargheit“ der ursprünglichen Sprache, die grauen bzw. schwarzweißen Bilder, in immer wieder an dumpfe Traumsequenzen erinnernde, an ungalubwürdige Erscheinungen, derer es etliche in diesem Werk zu bestaunen gibt. „Mithin war es“, um abschließend aus Schlüters Abschluß zu zitie-ren: „an der Zeit, 1000 Jahre nach ihrere Niederschrift die Urversion auf deutsch vorzule-gen.“« (Klaus Ferentschik in seiner Besprechung in der Wiener Zeitung vom 6.2.1998) Zum Übersetzer: Wolfgang Schlüter, geboren 1948 in Königslutter am Elm, lebt als Musikwissenschaftler, freier Autor und Übersetzer in Wien. Veröffentlichungen u.a.: Eines Fensters Schatten, oder: Mercurius‘ Hochzeit mit der Philologie. Roman (1984), My Second Self when I am gone, 250 englische Gedichte, aus dem Englischen von Wolfgang Schlüter (1991), Walter Benjamin: Der Sammler und das geschlossene Kästchen. Essay (1993), John Aubrey. Lebensentwürfe, aus dem Englischen von Wolfgang Schlüter (1994), William Cowper, The Task/Die Aufgabe, aus dem Englischen von Wolfgang Schlüter (1997), John Field und die Himmels-Electricität. Roman (1998), Christopher Marlowe, Sämtliche Dramen, aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Schlüter (1999), Dufays Requiem. Roman (2001).
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